Daesh und die Türkei.

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(Foto: politische Kartierung von Syrien – Die Türkei und Syrien teilen sich einen 900km langen Grenzverlauf)

Daesh (hierzulande: IS/Islamischer Staat). Die Terrormiliz nutzt die Türkei teilweise als Rückzugsgebiet. Zu den innenpolitischen Problemen der Türkei kommen jedoch auch diplomatische Konflikte. Die Türkei sieht sich nicht nur außenpolitisch mit den Entwicklungen im Irak und Syrien konfrontiert, vielmehr hat sich die gegenwärtige Situation zu einem handfesten Problem für die innere Sicherheit des Landes entwickelt. Ein Pressespiegel.

Transitland und Rekrutierungsstätte

Die Türkei gilt gemeinhin als Transitland für Kämpfer aus den (west-)europäischen Staaten. Die Reise ist relativ einfach: ein Flugticket kaufen und dann geht es in knapp drei Stunden nach Istanbul. Von Istanbul aus besteht dann die Möglichkeit mit Bussen weiter an die syrische Grenze zu gelangen. Jeder Individualtourist kennt die Prozedere. Die Regierung aus Ankara musste immer wieder Kritik einstecken für die Duldung des einschlägigen Grenzverkehrs, so ist mindestens seit Ende des Jahres 2012 relativ gesichert, dass insbesondere die kosmopolitische Hatay-Provinz zur Hochburg der dschihadistischen Infrastruktur außerhalb der „Kriegsgebiete“ geworden ist.(1)

Doch nicht nur die historisch bedeutende Hatay-Provinz ist ein zentrales Rückzugsgebiet innerhalb der Türkei. Die Türkei ist auch ein wichtiges Rückzugsland für die Rekrutierung von Kämpfern und es gibt beachtliche Unterstützung von Istanbul bis an die syrische Grenze. Gegenwärtig wird von etwa 2000 türkischen Staatsbürgern ausgegangen, welche sich ISIS-Truppen angeschloßen haben sollen. Der Istanbuler Stadtteil Güngören, im europäischen Teil der Stadt liegend, wird als ein Zentrum für Rekrutierungen bezeichnet.(2) Auch die Hauptstadt der Türkei – Ankara – besitzt territoriale Schwerpunkte. Besonders die Armenviertel der Stadt sollen im Fokus von Rekrutierungsbemühungen stehen.(3) Die Regierung, namentlich der aktuelle Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu, widerspricht der Opposition und westlichen Berichterstattern und behauptet die Anzahl türkischer Kämpfer sei nicht signifikant. Derweil argumentiert Davutoğlu, dass die Hauptquelle für ausländische Kämpfer andere europäische Staaten seien.(4) Präsident Recep Tayyip Erdoğan zeigt sich empört über den Artikel der New York Times. Er behauptet derartige Meldungen wären schlichtweg falsch und würden den bilateralen Verhältnissen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten schaden.(5)

Strategien und Zielgruppen

In einigen Medienberichten wird deutlich, dass vor allem Personen aus armen und konservativen Nachbarschaften potentielle Rekruten sind. Insbesondere ein niedriger Bildungsgrad, gewisse Vereinsamung und Identitätsprobleme führen demnach zum gesteigerten Interesse für dschihadistische Organisationen.(6) Es scheint sich also in erster Linie um eine individuelle „Krisenbewältigung“ zu handeln. Mehrere Berichte sprechen wiederholt von (ehemaligen) Drogen-, Alkoholabhängigen oder „gescheiterten“ Existenzen.(7) Es klingt durchaus plausibel, dass sich radikale Kräfte durch soziale Hilfsdienste wie Drogenprävention etablieren könnten. Eine andere Frage ist jedoch: weshalb schließen sich aber auch ganze Familien oder relativ unauffällige Personen einer derartigen Gruppierung an?

Situation und Konsequenzen

Es darf bezweifelt werden, dass mehrheitsfähige Teile der regierenden AKP-Partei breite Sympathien für die ISIS hegen. (8) Die passive Haltung der Türkei bezüglich einer internationalen Anti-ISIS-Front kann sich auch aus einer innenpolitischen Zwangslage erklären. Die extremistische Miliz agiert bereits auf türkischen Boden und hat die Möglichkeit Personen („Schläfer“) zu aktivieren. ISIS hat immer noch 49 türkische Geiseln in seiner Gewalt, die sie als Faustpfand gegen Ankara hält. Außerdem drohen auch innerhalb verschiedener Gruppen Spannungen, so behaupteten PKK-nahe Personen in Istanbul eine Zelle der ISIS angegriffen zu haben und eine Person getötet zu haben. (9) Welche Folgen die Entwicklungen der extremistischen Miliz für die Türkei haben kann ist ungewiss. Fest steht, dass diese Organisation mittlerweile einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die innere Sicherheit des Landes hat.