Vielfältige Türkei

Die türkische Stadt Konya, in den flachen Ebenen Zentralanatoliens liegend, erzählt nicht mehr nur historische Geschichten – die Geschichte der tanzenden Derwische oder die des einstigen Zentrum des Sultanats der Rum-Seldschuken. Das ehemalige Exil und die heutige Grabstätte des bedeutenden persischen Dichters und islamischen Mystikers Dschalal ad-Din ar-Rumi (Mevlana) steht vielmehr im Mittelpunkt einer neuen Geschichte, der Geschichte eines sozio-politischen Transformationsprozesses. Konya ist eine der Hochburgen der „anatolischen Tiger“, es ist das Epizentrum des islamischen Kapitals in der Türkei. Der Begriff des „Konya-Modells“ beschreibt seit den Neunzigern Jahren eine Form des islamkonformen Anlage- und Finanzierungsmodells. Die Stadt gilt als eines der konservativsten urbanen Zentren in Anatolien, verfügt gleichsam über eine der modernsten Stadtinfrastrukturen des Landes. Konya ist vor allem eines: die Blaupause der „Neuen Türkei“ und Ausdruck der Vision eines Recep Tayyip Erdoğan. Doch Konya hat auch neben Mevlana und der islamischen Bourgeoisie eine christliche Geschichte. Die Erinnerung daran wird bis heute in der Sankt Paulus Kirche erhalten, es sind Erinnerungen an die Zeit als der Apostel Paulus das altertümliche Konya (Iconium) besuchte und hier eine Gemeinde pflegte. Unweit von Konya liegt die Naturlandschaft Kappadokien, heut eine der beliebtesten Touristenattraktionen des Landes, damals der Annahme nach die Zufluchtsstätte verfolgter Christen. Das einst neben Antiochia wichtigste Zentrum des Frühchristentums besteht aus einem komplexen Tunnelsystem unterirdischer Stadtstrukturen mit schätzungsweise 3.000 Höhlenkirchen. Es mag zwar keine endgültige Sicherheit geben, ob die Höhlen die Monumente einer seldschukischen oder persischen Christenverfolgung sind, in denen Menschen gezwungen waren von der Oberfläche zu verschwinden, es ist aber mit Sicherheit eines der bedeutendsten Zeugnisse des christlichen Erbes in Anatolien. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, als es zur Zwangsumsiedlung der Griechen im Zuge des Bevölkerungsaustausches zwischen der Türkei und Griechenland kam, reichte die lebendige Existenz des anatolischen Christentums. Heute gilt der griechische Dialekt „kappadokisch“ als weitgehend ausgestorben. Die Reste der christlichen Kultur sind heute nur noch ein imposantes Freiluftmuseum.

Die Geschichte Anatoliens war schon immer eine Geschichte der verschiedenen Kulturen und Völker. Römer, Griechen, Perser, Oghusen und viele kleinere Volksgruppen siedelten und siedeln in Kleinasien, ebenso vielfältige religiöse Gruppierungen wie orthodoxe/katholische Christen und sunnitische/alevitische Muslime. Die Geschichte Anatoliens ist aber auch die Geschichte der Konflikte und Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Kulturen. Anatolien war ein umkämpftes Terrain der Hochkulturen. Die Ereignisse der viertausendjährigen Geschichte dieser Region haben ihre Spuren hinterlassen sowohl in Form materieller Kulturgüter als auch in unzähligen Narrativen, deren Bedeutungen auch für das heutige Verständnis der Türkei und ihrer Gesellschaft von unschätzbarem Wert sind.

Der Untergang des osmanischen Vielvölkerreiches und die Transition zur modernen Republik Türkei führten im 20. Jahrhundert in eine neue ungewisse Zukunft des Landes. Die kemalistische „Revolution“ führte komplexe sozio-politische Transformationsprozesse fort, welche schon ihren Anfang in der osmanischen Reformperiode der Tanzimat nahmen, die die Staatsordnung grundlegend neu strukturierten. Eine folgenreiche Zäsur, die auch das Verhältnis der multiethnisch- und multireligiösen Gesellschaft neu bestimmen sollte. Der Zerfallsprozess des Osmanischen Reiches ging einher mit dem aufkeimenden Nationalismus in den Ländern des Balkans und Griechenlands, wurde aber auch durch nationalistische Bestrebungen der Armenier und Kurden im türkischen Kernland beeinflusst. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem aufkeimenden armenischen Nationalismus endete in Vertreibung und Mord. Die vor-kemalistischen Jungtürken, insbesondere die führende Generalität, ließ sich ebenfalls von der europäischen Denktradition des Nationalismus leiten. Es entwickelte sich langsam ein türkischer Nationalismus heraus, der mit den siegreichen türkischen Unabhängigkeits- und Befreiungskrieg, auch trotz der teilweisen Marginalisierung der Jungtürken, einen erheblichen Einfluss auf das türkische Staatsdenken des Kemalismus von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk entwickeln konnte. Es kristallisierte sich ein nationales Einheitsverständnis heraus, welches bis heute eine staatsdoktrinäre Tragweite besitzt und folgenreiche Konsequenzen für die türkische Gesellschaft hat. Der Schwurspruch – Ne mutlu Türküm diyene (zu dt. Wie glücklich derjenige, der sagt, Ich bin Türke!) – sollte die Einheit innerhalb einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft paraphrasieren, wurde aber in der administrativ-politischen Realität der Republik auch oft als Negation anderer Identitäten aufgefasst.

(Foto: Babitha George; Lizenz: CC BY-NC 2.0)

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