Big Data auf vier Rädern – durch das gläserne Auto zum gläsernen Menschen?

Das selbstfahrende Kraftfahrzeug ist keine Szene aus einem Science-Fiction-Klassiker mehr. Wenn es auch noch nicht auf den Straßen unterwegs ist, dann läuft es bereits in den Forschungszentren von Internet- und Automobilgiganten auf Hochtouren. Dass das heutige Automobil in seiner technischen Ausstattung einem Roboter immer ähnlicher wird, dürfte den Fahrzeugführer nicht entgangen sein. Die Automatisierung nimmt sukzessive zu und das Auto avanciert zeitgleich zu einer fahrenden Datenfabrik. Das hat Konsequenzen für diejenigen hinter dem Steuer und für den Datenschutz.

Das geflügelte Wort „Big Data“ verspricht der Automobilbranche neue Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Produktepaletten sowie für innovative Konzepte in den Bereichen Kundenservice und Kundenkommunikation. Dabei erkennen die Hersteller vor allem das Potential kundenorientierter Produktoptimierung, wofür es ständige Informationsflüsse bedarf. Mittlerweile werden die anfallenden Daten nach unterschiedlichen Gesichtspunkten kategorisiert: fahrzeugbezogene, insassenbezogene, umweltbezogene und drittanbieterbezogene Daten. Doch nicht nur die Automobilbranche hat ein reges Interesse an diesen Daten, denn auch Kfz-Versicherer, Anbieter von Multimedia-Unterhaltungsangeboten oder staatliche Stellen dürften zunehmenden Datenhunger bekommen. Bereits hier stellt sich die Frage nach den Potenzialen der jeweiligen Daten, in jedem Fall wird die Datenflut in Zukunft zu kreativen Wertschöpfungsstrategien von Unternehmen führen, aber auch neue Überwachungsmechanismen sind hypothetisch denkbar.

Künftige Probleme und Herausforderung für den Datenschutz

Viele Szenarien gleichen momentan noch dem vielzitierten „Blick durch die Glaskugel“, da über das tatsächliche Innovationspotential neuer Möglichkeiten durch Datenerhebung, Datenauswertung und Datenverarbeitung gegenwärtig nur spekuliert werden kann. Allerdings zeigen aktuelle technische Entwicklungen welche Einblicke sie in das Private geben können.

Gerrit Hornung, Professor für Öffentliches Recht, IT-Recht und Rechtsinformatik, verweist in einem Artikel auf rechtliche Eventualitäten in der Datenschutzdiskussion. Zunächst steht dabei die Freiwilligkeit bzw. Unfreiwilligkeit der Datenerhebung im Fokus. Wenngleich die meisten Angebote auf die freiwillige Zustimmung durch die Nutzer angewiesen sind, werden auch rechtlich verpflichtende Dienste und Anwendungen zur Datenanalyse bedeutsam. Ein Beispiel hierfür ist das automatische Notrufsystem für Kraftfahrzeuge „emergency call (eCall)“, ein europaweites System, welches ab März 2018 für alle Neuwagen zur Verpflichtung wird. Experten warnten seit geraumer Zeit vor möglichen Datenmissbrauch und Schwächen, darauf regierte die Europäische Union und nahm sich der Datenschutzfrage an. Problematisch können auch Service-Angebote sein, bei denen „essentielle Garantien von der Einwilligung in die Erhebung technischer Daten abhängig gemacht werden“, so Hornung. Die AGB verliert damit ihren freiwilligen Charakter. Auch Telematik-Tarife für die Kfz-Versicherer kommen hier ins Spiel, denn der Experte befürchtet, dass erschwingliche Tarife dann nur noch unter der Bedingung einer kontinuierlichen Datenüberwachung gewährleistet werden könnten.

Doch was ist eigentlich so problematisch an der Sammelleidenschaft, abgesehen von teureren Versicherungstarifen? Einiges! Denn nicht nur die schiere Anzahl der produzierten Datenmengen, die heute schon auf 10 GB bis 25 GB pro Stunde geschätzt werden, ist von Relevanz, sondern vor allem deren Informationsgehalt. Die Besonderheit eines Autos für seinen Nutzer fasst die Datenschützerin Marit Hansen in einem Beitrag treffend zusammen: „Viele Fahrer empfinden ihr Auto als Rückzugsraum vom Stress der Arbeit und von der Anspannung zu Hause, der ihnen anders als bei öffentlichen Verkehrsmitteln Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Aus diesem Grund spiegelt sich in dem Nutzungsverhalten viel Persönliches wider“. Diverse Datensätze geben einen Einblick in ein buntes Allerei an Informationen, welche nicht nur die Lokalisation, das Fahrverhalten, Zustandsdaten des Automobils oder die Kommunikation zwischen Verkehrsteilnehmern abbilden sondern gegebenenfalls auch andere Endgeräte wie Tablet oder das Smartphone mit einbinden. Oder es werden biometrische Anwendungsszenarien entwickelt, die den Gesundheitszustand des Fahrzeugführers screenen und das System dementsprechende automatisierte Reaktionen einleitet. Biometrische Fahrerkontrolle mag ein sinnvolles und effektives Mittel zur Unfallvermeidung sein, es schafft aber auch eine Menge persönlicher Daten. Daneben steht der Innenraum der kompletten Audio- und Videoüberwachung zur Verfügung, ein Aspekt, der in Zeiten von „Optic-Nerv“-Programmen zur Masseninfiltration von Videokameras durch Geheimdienste, einen bitteren Beigeschmack hat.

Effektiver Datenschutz als einzige Lösung

Die digitale Revolution ist im Gange. Big Data ist mittendrin in dieser vielversprechenden Entwicklung, die unser aller Sicherheit und Gesundheit verbessern soll. Doch Big Data ist allen voran auch ein Wertschöpfungsinstrument, welches den sammelwütigen Konzernen tiefe Einblicke in jede Facette des Lebens geben kann. Big Data ist Macht. Diese zu beschneiden kann schwierig werden. Denn helfen die herkömmlichen Datenschutzmechanismen wirklich? Seitenlange AGBs, die niemand liest, öffnen Webanbietern große Tore. Dazu scheinen tradierte Datenschutzrechte der Sammelwut heute keine Grenzen mehr zu setzen. Denn die Datensouveränität des Nutzers, der entscheiden kann, welche Daten zu welchem Zweck für einen bestimmten Verwender zugänglich gemacht werden, ist faktisch nicht mehr zu verwirklichen. Die Idee von Big Data ist nicht mehr die Datensammlung für einen bestimmten Zweck, denn es ist bei der Speicherung der Informationen noch nicht abzusehen für welche tatsächliche Verwendung diese später genutzt werden (können). Datenschutz muss daher – um effektiv zu sein – innovativ gedacht werden.         

Foto: NACTO (CC BY-NC 2.0)

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