MiGAZIN auf Abwegen – Stimmungsmache eines Grimme-Preisträgers?

Der kurdisch-türkische Konflikt in der Türkei eskaliert und alte Wunden reißen auf. Die kurdisch-seperatistische Terrororganisation PKK verübt seit Wochen terroristische Anschläge auf türkische Sicherheitskräfte, Militärs und Polizisten. Die türkische Regierung reagiert mit Militärschlägen gegen PKK-Stellungen im Nordirak. Dieser virulente Konflikt, welcher mehr als 2000 Kilometer von Deutschland entfernt stattfindet, schlägt traditionell auch in der Bundesrepublik Deutschland hohe Wellen. (Link zum Kurdenkonflikt am Ende des Textes)

Als Leser des Online-Fachmagazin MiGAZIN war ich etwas schockiert. Der Grund dafür ist ein etwas plakativer Beitrag, der normalerweise in dieser Art und Weise nicht zu erwarten war. Der Artikel „25 Vermummte greifen Bielefelder Moschee an“ proklamierte, dass der PKK-Terror nun auch Deutschland erreicht hat. Laut der Darstellung haben 25 Personen am Donnerstagabend eine Moschee der ATİB angegriffen und dabei Sachbeschädigungen begangen. Die Polizei musste eingreifen. Nun gut. Was ist das Problem an dieser Berichterstattung? Eigentlich gibt es kein Problem, denn in Deutschland herrscht Pressefreiheit. Der Beitrag ist für sich genommen, wenngleich qualitativ etwas im Stile einer Kurznachricht gehalten, nichts Besonderes, sieht man vom Inhalt ab, dass es sich hier um einen ganz klaren Akt des politisch-motivierten Extremismus handelt, den es klar zu verurteilen gilt. Aber zum eigentlichen Problem weiter unter.

MiGAZIN – Fachmagazin für Integration und Migration

Das Projekt MiGAZIN kann zweifelsohne als eines der qualitativsten Formate in den einschlägigen Themenbereichen bezeichnet werden. Dies liegt nicht zuletzt an teils hervorragenden Beiträgen von renommierten Wissenschaftlern und Experten, denen es nicht an ausreichender Expertise fehlt.

Als Arbeitsziel formuliert die Plattform:

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren.

Weiter heißt es auf der Internetpräsenz:

MiGAZIN ist ein unabhängiges Online-Magazin mit Themen rund um Integration und Migration in Deutschland. Außerdem ist es ein Online-Portal für alle, die an einer niveauvollen und sachlichen Diskussion und Auseinandersetzung mit der Thematik interessiert sind.

Das von Gründer und Chefredakteur Ekrem Şenol geleitete Magazin setzte sich von Anfang an ambitionierte Ziele und wurde dafür im Jahr 2012 mit dem Online Grimme Award ausgezeichnet. Das Magazin sucht hauptsächlich die kritische Auseinandersetzung mit Migrationsfragen, Integration, Einwanderungsrecht und angrenzenden Themenbereichen, wie etwa Medienkritik.

Community-Probleme bekommen kaum Aufmerksamkeit

Wie bereits erwähnt, liegt der redaktionelle Schwerpunkt des Magazins in den Themenspektren rund um Integration und Migration in Deutschland. Allerdings finden sich der Rubrik Ausland auch Verweise auf Migrationsfragen anderer Staaten. Weniger oft (bis überhaupt nicht) werden interne Probleme von Einwanderer-Communities thematisiert, zumindest wenn diese nicht eindeutig mit defizitären Strukturen der Zielländer in Verbindung gebracht werden. Eine Ausnahme bildet hier nur der Pressespiegel, der durchaus diese Themen in Verweisform erwähnt. Politische und gesellschaftliche Schwierigkeiten, die in erster Linie in den Herkunftsländern stattfinden oder größtenteils daher resultieren, bleiben meist unkommentiert. Weiterhin zeigt MiGAZIN klare Kante gegen Rechts und porträtiert etwaige Vorkommnisse rassistischer Umtriebe innerhalb der deutschen „Mehrheitsgesellschaft“. Religiöse ist kein zentrales Anliegen, aber besonders im Pressespiegel liegt ein Themenschwerpunkt auf dem Türkeibezug. Dies verwundert nicht, da die türkisch-stämmigen Migranten die mit Abstand größte Gruppe stellen. Allerdings eben nicht als eigenständiger Artikel.

Worin das Problem dieser Nachricht liegt

Und plötzlich findet sich also ein Beitrag, der über die Gefahren des PKK-Terrorismus berichtet. Das Problem dieser Nachricht liegt zunächst darin, dass mit dieser Kurznachricht indirekt Stellung in einem ausländischen Konflikt bezogen wird, obwohl man eigentlich „füreinander sensibilisieren“ möchte? Kann – oder zu mindestens sollte – es sich ein qualitativ hochwertiges Magazin hier eine Positionierung leisten? Ich meine nein. Dies liegt darin begründet, da somit die Neutralität aufgegeben wird, der eigentliche Schwerpunkt eines Fachmagazins erweitert wird und die Propagandamaschinerie, die sich auf sozialen Netzwerken hochschaukelt, am Laufen gehalten wird.

Dass die PKK auch in Deutschland existiert und durch den Verfassungsschutz beobachtet wird, ist eine Tatsache. Gründe dafür finden sich in den Erklärungen der Verantwortlichen und sollen hier nicht weiter diskutiert werden. Wenn allerdings eine Plattform wie MiGAZIN sich in diese Diskussion einspannt, dann läuft ein Fachmagazin durchaus Gefahr seine Reputation einzubüßen. Der Grund ist die affektiv wirkende Kolportage, die nicht nur nicht mit Links untermauert wurde sondern eben auch nicht den eigentlichen Konflikt darzustellen versucht. Zumal es eben keine dezidierten Versuche gab im Vorfeld oder im Artikel selbst differenzierte Erklärungen zu präsentieren.

Ironischerweise steht der kurdisch-türkische Konflikt in unmittelbaren Zusammenhang mit einer mangelnden und diskriminierenden Praxis gegenüber der kurdischen Minderheit in der Türkei durch staatliche Institutionen. Für ein Magazin, dessen Grundtenor für eine pluralistische, tolerante und inklusive Staatspraxis gegenüber Einwanderer sowie religiösen und ethnischen Minderheiten eintritt, steht gerade hier eine tendenziöse Problematisierung sehr schlecht ins Gesicht. Auf der anderen Seite scheint es angesichts der Zurückhaltung bezüglich der Thematisierung von extremistischen Bestrebungen/Phänomenen innerhalb von Migrantencommunities unglaubwürdig, plötzlich ein derartiges Themenfeld zu erschließen.

Link zum Kurdenkonflikt (Bundeszentrale für politische Bildung)

Bild von: Uwe Hiksch

CC-Lizenz-630x11011

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