Das Politikum Nora F.

Am 21.09.2015 wurde die deutsche Staatsbürgerin Nora F. mit weiteren Personen von den türkischen Behörden in der Nähe von Edirne festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, Flüchtlinge, die auf den Weg in Richtung Edirne waren, angestachelt zu haben, nicht mit türkischen Behörden zu kooperieren. Doch wer ist diese Frau und was steckt hinter dieser Geschichte? Wie wird dieser Vorfall ausgeschlachtet und medial inszeniert? Ein Beispiel aus der Welt der Verschwörungstheorien.

Die türkische Berichterstattung von Sabah

Aufmerksam wurde ich durch den ersten Beitrag auf dem englisch-sprachigen Angebot Daily Sabah (gehört zur regierungsnahen türkischen Tageszeitung Sabah). Dort erschien bereits am 22.09.2015 der Artikel „Foreigners arrested in Turkey for abetting refugees“. Der Artikel stellt die Hintergründe dar. Auffällig ist, wie die konkrete Funktion von Nora F. kaum erläutert wird. Bereits hier wird abschließend darauf verwiesen, dass Nora Freitag mit ihrer französischen Bekannten an den Gezi-Park-Protesten beteiligt war. Dieser Punkt ist in der Lesart enorm wichtig – dazu aber später.

Zunächst veröffentlichte am Abend des 22.09.2015 Daily Sabah einen weiteren Artikel. „German and French nationals among five suspects of espionage to be deported from Turkey”, so lautet die Überschrift. Bereits hier wird deutlich, dass die Vorwürfe schwer wiegen: die Festgenommenen sind Spione? Dies sind brisante Vorwürfe, denn angeblich soll Nora F. geheime Mitarbeiterin des Bundesnachrichtendienst (BND), also dem deutschen Auslandsnachrichtendienst, sein, glaubt man der türkischen Regierungspresse.

Warum sich neuerdings der deutsche BND in dieser Weise für Flüchtlinge engagieren sollte, bleibt fraglich. Weil er das ganz offensichtlich nicht tut, sondern diese Geschichte eine willkommene Propaganda-Story für die türkische Presse hergibt, muss man diesen Vorfall etwas genauer ausführen. Jeder der die Türkei kennt, weiß um die wahnhafte Besorgnis, dass „ausländische Mächte“ das Land sabotieren wollen. Gemeinhin ist diese Wahrnehmung als das „Sèvres-Syndrom“ bekannt.

Nora F. – Ein BND-Agent?

Doch wer ist Nora F.? Ein Blick ins Internet verrät einiges über sie. Denn sie stellt sich dort sogar persönlich in einem Internetvideo vor. Nora kam für ein Studium in die Türkei. Sie ist Soziologin. Nachdem sie ihr Studium beendet hatte, enwickelten sie zusammen mit einigen Freunden eine Idee: ein linksalternatives Projekt namens Komsu Kafe. In diesem Video stellt sie es persönlich vor.

Dafür sammelte Nora F. durch eine Crowdfunding-Kampagne Spenden in Höhe von 5.000 Euro ein. Hier findet sich ihr persönliches Profil (klick!) und das Profil des Projekts (klick!). Über das Café berichtete auch ein Beitrag des DRadio Wissen.

Nora F. scheint nicht wirklich in das Bild eines BND-Agenten zu passen, denn es mutet schon eigenartig an, dass ein BND-Agent sich ein so geschlossenes Weltbild zurechtlegt, um dann Fairtrade-Cafés zu eröffnen und dort im Hippie-Umfeld antikapitalistische Ideen austüftelt. Hier noch ein weiteres Video namens „Her Yer Kadiköy“ (dt. Kadiköy ist überall) – wobei Kadiköy ein Stadtteil in Istanbul ist. (Link zum Video) Dieses Video zeigt das linksalternative Milieu in Istanbul. Zusehen ist auch das besagte Projekt von Nora – und wohlmöglich auch Nora selbst (ab Minute 6:57)? Daran wird deutlich in welchem Milieu sich die junge Frau bewegt – antikapitalistische und linksradikale Kreise.

Das Gezi-Narrativ

Wie passt das jetzt mit den wochenlangen Gezi-Protesten zusammen? Damals gingen jede Menge junge Menschen – zum Teil auch gewalttätig – auf die Straße. Naturgemäß fanden sich insbesondere auch linksradikale und linksextreme Gruppen zu den Anti-Regierungs-Demonstrationen ein. Allerdings ließ die türkische Regierung nichts unversucht, um die Proteste für die eigene Politik zu instrumentalisieren. Dazu zählt wieder einmal die Behauptung, dass hinter den Protesten ausländische Kräfte, Juden oder die Lufthansa (!) stehe. Da es dafür zwar keine handfesten Beweise gab und gibt, haben die Behörden sich wenigstens bemüht ausländische ERASMUS-Studenten festzusetzen. Auch die damalige Studentin Nora Freitag war lat Angaben mit dabei.

Zugegeben: Wer sich in der Türkei freiwillig derartigen Protesten anschließt, der ist mehr als naiv. Für die türkische Sabah reicht das Bild aber, denn die Aktivistin Nora F. hat sich nun einiges geleistet: Sie will in der Türkei Unruhe stiften. Um daraus noch eine handfeste Schlagzeile zu machen, ist diese Person also auch noch eine BND-Agentin. Alles klar. Die Geschichte steht.

Flüchtlingshelfer an den europäischen Peripherien

Dabei ist Nora F. vermutlich „nur“ Flüchtlingsaktivistin. Sie ist dabei nicht allein, denn hunderte Freiwilliger fahren regelmäßig in die Ankunftsregionen der Flüchtlinge, um sie dort zu beraten. Hier ein Beispiel aus Malta. Diese Freizeitgestaltung ist allerdings aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch. Zunächst aufgrund der Tatsache, dass die Aktivisten den Flüchtlingen oftmals Tricks verraten, wie diese in den jeweiligen Ländern ihre Bleibeperspektive optimieren. Hierbei muss man kein Prophet sein, um zu vermuten, dass auch bestimmte Tricks gegen geltendes Recht kommuniziert werden können. Die Anstiftung zur Falschaussage gegen über Polizisten und Behörden käme hier etwa in Betracht. Ob diese Personen dies gemacht haben kann ich nicht beurteilen. Schenkt man den Darstellungen der Artikel seinen Glauben, ist durchaus vorstellbar, dass sich der Aktivismus von Nora F. “problematisch” gestaltet hat. Insofern kann die Festnahme durch türkische Polizisten durchaus gerechtfertigt sein. Nicht gerechtfertigt ist allerdings die Propaganda, die sich daraus schlussfolgert.

Deutsch Türkische Nachrichten und der Zorn der deutsch-türkischen Community

Doch es wird noch interessanter, denn die türkische Darstellungsweise wird auch in deutschen Medienportalen übernommen. Ganz vorn dabei ist Deutsch Türkische Nachrichten (DTN), eine Nachrichtenportal des Blogform Social Media Unternehmens. Bekannt ist das Medienhaus durch die Deutschen Wirtschafts Nachrichten (DWN) geworden. Kritiker werfen den Plattformen einen „alarmistischen Ton“ oder „unseriöse, tendenziöse Berichterstattung“ vor. Ich persönlich lese das Portal Deutsch Türkische Nachrichten seit einigen Jahren. Bei aller Kritik muss ich gestehen, dass Artikel auf DTN einen deutlichen Qualitätsunterschied erkennen lassen. Einige Beiträge scheinen nüchtern-objektiv und informativ andere wiederum bestechen durch erstaunlich tendenziösen Unterton. Leider weiß man auch nicht, welche Qualitäten und Hintergründe die Autoren haben, da sie immer nur anonym schreiben.

In der letzten Zeit fällt mir zunehmend auf, dass sich die Berichterstattung teilweise einen provokativen Unterton aufweist. Mittlerweile habe ich zudem das Gefühl, dass einige Beiträge eine Übersetzung oder Kopie der regierungsnahen Sabah-Beiträge sind. Dies ist nur eine Vermutung meinerseits, allerdings wurde es  auch bei dem hier angesprochenen Thema deutlich. Denn als ich den Artikel heute auf DTN las, erkannte ich doch einige Gemeinsamkeiten mit den Sabah-Artikeln bezüglich der Informationen und Darstellung. Auffällig ist z.B. der Wortlaut, den der anonyme Autor verwendet. Selbst der Name wurde wie im Sabah-Artikel fehlerhaft angegeben, denn es wird in den beiden Beiträgen von Nora S. gesprochen anstatt von Nora F.

Kommentiert wird in erster Linie auf Facebook. Entlarvend sind dort die Reaktionen von Menschen, deren Namen auf einen türkischen Migrationshintergrund verweisen. Diese aggressive Diskussionskultur verbildlicht durch das Kommentar der Nutzerin Hülya K.: „Ich verstehe nicht warum diese Leute die, die Deutsche so hassen, immer noch in Deutschland leben.“ Nun bleibt fraglich, ob dies von DTN gewollt ist oder nicht. Sicher ist, die Darstellungsweise ist in diesem Fall äußerst fragwürdig. Sollen hier Ressentiments geschaffen werden?

Fazit

Sollte die junge Frau gegen geltendes Recht verstoßen haben, dann muss sie mit den Konsequenzen leben. Doch warum diese Berichterstattung? Weshalb wird aus sowas gleich ein Spionage-Thriller inszeniert? Sind die deutsch-türkischen Beziehungen nicht wichtig genug, um mit derartigen Vorwürfen etwas vorsichtiger umzugehen?

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