Aus dem Leben: Klaus von Beyme

Klaus von Beyme gehört zu den weltweit renommiertesten deutschen Sozialwissenschaftlern. Sein unermüdlicher Arbeitseifer hinterließ insbesondere der Politikwissenschaft eine beachtliche Anzahl von Monographien. In seiner aktuellsten Veröffentlichung möchte der 81-Jährige seinen Lesern einen Einblick in die Erinnerungen eines Akademikers geben, der die Entwicklungen der bundesdeutschen Politikwissenschaft nicht nur miterlebte, sondern auch bedeutend mitgeprägt hat. In Beymes Erinnerungen geht es in erster Linie „um die Konzentration auf meine Erfahrungen mit dem Wissenschaftsbetrieb“ (S. 12), wie der Autor einleitend anmerkt.

Klaus von Beyme: Bruchstücke der Erinnerung eines Sozialwissenschaftlers, Springer-Verlag, Heidelberg 2016, 242 Seiten.

Klaus von Beyme wurde 1934 im niederschlesischen Saarau als Sohn einer deutschen Gutsbesitzerfamilie geboren. Seiner Geburtsheimat Schlesien blieb er Zeit seines Lebens verbunden. Eine biographische Tatsache, die sich als bedeutungsvoll für den Lebensweg eines Menschen herausstellte, der nur die ersten zehn Jahre seines Lebens in der Region lebte. Als Vertriebene war die Familie zur Flucht gezwungen. Beyme schildert dazu seine Erinnerungen und stellt fest, dass die Familie trotz der Tragödie zu den privilegierten Flüchtlingen gehörte. Der Verlust seiner Heimat hinterließ dennoch Narben. Beyme – versiert in sieben Sprachen – begann sich dem Polnischen und Russischen aus Hass zu nähern, wie er betont. Gleichsam erfuhr er, wie aus Hass Liebe werden kann.

„In Bruchstücke der Erinnerung eines Sozialwissenschaftlers“ stellt der Autor sein „vergleichsweise undramatisches Leben“ vor, das durch den jeweiligen historischen Kontext seine aufschlussreichen Momente offenbart. Die Vielzahl interessanter Begegnungen mit Protagonisten der Sozialwissenschaft und seine entschiedene Weltoffenheit bieten den Stoff für die zahlreichen Anekdoten eines bewegten Wissenschaftlerlebens, das sich in chronologischer Anordnung präsentiert. In etwa gleichen Umfängen widmet sich Klaus von Beyme seinen einzelnen Lebensabschnitten. Beginnend mit seiner Familiengeschichte, der Flucht aus Schlesien bis zur Buchhändlerlehre in Braunschweig, wird der ehern nicht-akademische Beyme beschrieben, der allerdings langsam seine Affinität zum Politischen entdeckt. Daran schließt sich die Studienzeit an. Der Autor resümiert sein damaliges Studienleben: „Wenn ich die heutige Verschulung des Bachelorstudiums mit unseren Studiergewohnheiten der 50er Jahre verglich, war es damals noch idyllisch.“ (S. 66) Es folgte eine Zeit mit Tramptouren, Nostalgietourismus und Auslandsaufenthalten in Paris, Moskau und Harvard.

Bis zu seiner Assistenzzeit in Heidelberg, die er als „Beginn des Ernsts des Lebens“ beschreibt, bereiste der junge Klaus von Beyme zahlreiche Länder. Erstaunlicherweise war es auch die innere Sehnsucht nach seiner schlesischen Heimat, die ihn in auf seinen Reisen in den Osten begleiteten (Nostalgietourismus). Seine Reiselust sollte das reichhaltige wissenschaftliche Werk später maßgeblich prägen. Als Grenzgänger zwischen Ost und West kam Klaus von Beyme in den Kontakt mit den Symptomen des Kalten Krieges. Das Misstrauen bestimmte das damalige Klima zwischen den Hemisphären. Umso spannender erscheint sein Erlebnishorizont, der sich entlang der ideologischen Blöcke bewegte, und stets den Eindruck erwecken lässt, dass er sich selbst von keiner Ideologie einfangen lassen wollte.

Ab den Ausführungen ausgehend von seiner Assistenzzeit bei Carl Joachim Friedrich widmet der Autor sich seiner Karriere als Mitarbeiter an der Hochschule. Beyme gibt unter anderem Einblicke in die gelegentliche Frotzelei mit dem SDS, die er stets schlagfertig zu parieren wusste, offenbart seine Unlust zur Verwaltungsarbeit am Institut und äußert sich freimütig zu seinem persönlich Verhältnis mit den Kollegen. Aus Sicht eines Insiders wird der politikwissenschaftliche Wissenschaftsbetrieb dargestellt und ein Kapitel der bundesdeutschen Fachgeschichte bruchstückhaft aufgeschlagen.

Der Autor gehört zu den westdeutschen Pionieren, die sich wissenschaftlich mit der Sowjetunion beschäftigten und dabei vor Ort agierten. Seine Arbeiten verhalfen ihm vor allem auch in Russland zu einem hohen Ansehen. Beyme wurde 2010 als Ehrenprofessor der Lomonossow-Univerisität Moskau geehrt. Seine politikwissenschaftlichen Beiträge konnten einen west-zentrierten Ansatz überwinden, beeinflussten die Vergleichende Regierungslehre in Europa positiv und verhalfen ihr zu neuen Perspektiven. Eine Vielzahl von Länderstudien zeugen vom vielfältigen Interesse an anderen Kulturen. Zudem war er auch der Politischen Theorie und – wenn auch schwerlich mit der Professorentätigkeit vereinbar – besonders der Architektur und Kunstgeschichte verpflichtet.

Doch wer ist die Person Klaus von Beyme? Ein demokratischer Sozialist, dessen Werk Unbehagen bei konservativen Politikern wie Franz Josef Strauß hervorrief. Ein ehemaliger Hochschuldozent, der für einige seiner Studenten „scheißliberal“ war, so dass er auch ihren Tomaten ausweichen musste – und dies erfolgreich bewies! Ein belesener Patriot, der seine verlorene Heimat niemals vergessen wollte und dennoch weltoffen, undogmatisch und ebenso wenig Opportunist. Für eine politische Karriere wäre er wohl zu ehrlich gewesen und hätte es nach eigenen Einschätzungen nicht weit gebracht. Deshalb blieb er der Wissenschaft treu, ob als Autor oder im Ehrenamt von nationalen und internationalen Wissenschaftsorganisationen, etwa als Präsident der „International Political Science Association“ (IPSA). In seiner Selbstdarstellung erscheint er bodenständig und ohne Eitelkeiten, wenngleich er sichtlich stolz auf die ihm gebührende Anerkennung durch Kollegen und akademischen Nachwuchsst. Die Anerkennung als Balsam für einen Menschen, der sich gelegentlich selbst – überspitzt – „neurotischen Sinnlosigkeitswahn“ (S. 204) attestiert.

Die Autobiografie eignet sich allerdings nur bedingt zu einer Psychografie. Der Grund dafür ist die sachlich-deskriptive, nüchterne Erzählweise, die über weite Strecken wenig Platz für die eigene Gefühlswelt des Autors lässt. Eine Ausnahme bildet – abschließend – sein persönlicher Rückblick. Denn an dieser Stelle des Werkes offenbart Klaus von Beyme eine zuvor wenig anklingende Melancholie und selbstkritische Facetten. Erstmals äußert er sich konkreter zu seiner Ehefrau und den Kindern. Er gesteht Fehler ein. Trotzdem besticht das Buch durch eine positive, klare sowie durchaus humorvolle Darstellungsweise. Der Leser dürfte daher ein heiteres wie angenehmes Leseempfinden erleben.

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